Markus Grasmueck

Computergestützte Projekte im DaF-Unterricht: Digitale Medien im Fremdsprachenunterricht

· Markus Grasmück
Computergestützte Projekte im DaF-Unterricht: Digitale Medien im Fremdsprachenunterricht

Der Einsatz digitaler Medien im Fremdsprachenunterricht ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Schon in den späten 1990er Jahren experimentierten engagierte Lehrende weltweit mit den damals noch jungen Möglichkeiten des Internets – und das oft unter schwierigen technischen Bedingungen, mit langsamen Verbindungen, proprietären E-Mail-Clients und Computern, die heute als Museumsexponate gelten würden. Gerade in Japan, wo die digitale Infrastruktur früh auf hohem Niveau ausgebaut wurde, entstanden bemerkenswerte Projekte, die das Lernen von Deutsch als Fremdsprache neu dachten.

E-Mail-Projekte als Türöffner

Der einfachste und gleichzeitig wirkungsvollste Einstieg in den computergestützten DaF-Unterricht war das E-Mail-Projekt. Schülerinnen und Schüler traten dabei in schriftlichen Kontakt mit Gleichaltrigen in deutschsprachigen Ländern – oder mit anderen Lernenden des Deutschen weltweit. Was banal klingt, hatte enorme didaktische Konsequenzen.

Die Texte, die Lernende für echte Gesprächspartner verfassten, waren qualitativ anders als jene für den Lehrer. Es gab einen realen Kommunikationsanlass. Rechtschreibung und Ausdruck spielten plötzlich eine Rolle, weil das Gegenüber – nicht der Rotstift – die eigentliche Instanz war. In Japan besonders interessant war die interkulturelle Dimension: Japanische Schüler lernten, wie ihre Altersgenossen in Deutschland leben, welche Musik sie hören, wie Schule und Alltag organisiert sind. Diese authentischen Einblicke ließen sich mit keinem Lehrbuch replizieren.

Solche Projekte verbanden sich besonders gut mit dem damals aufkommenden Konzept des interkulturellen Lernens, das im DaF-Bereich zunehmend als eigenständige Kompetenz anerkannt wurde.

Technische Hürden und pragmatische Lösungen

Wer in den 1990er Jahren an einer japanischen Schule E-Mail-Projekte umsetzen wollte, stand vor konkreten Problemen: Zeichensatzkodierungen kollidieren, deutsche Umlaute erschienen als kryptische Zeichenfolgen, und der Computerraum war oft nur stundenweise buchbar. Die Lösung war häufig pragmatisch – Texte wurden im Unterricht vorbereitet, gemeinsam korrigiert, und dann in einer Computerstunde gebündelt verschickt. Auch das hatte seinen pädagogischen Wert: Textproduktion wurde als Prozess sichtbar, nicht als einmaliger Akt.

Videokonferenzen: Sprechen über tausende Kilometer

Nach E-Mail kam Video. Frühe Videokonferenzprojekte im Schulbereich erforderten dedizierte Hardware und ISDN-Verbindungen, die kaum eine Schule budgetieren konnte. Trotzdem gab es Vorreiter. Die Faszination war unmittelbar: Wenn japanische Deutschlernende in Echtzeit mit Schülerinnen in Deutschland oder Österreich sprechen konnten, entstand eine Lebendigkeit im Unterricht, die kein Rollenspiel im Klassenzimmer erreichen konnte.

Die Vorbereitung solcher Sessions war aufwendig. Themen mussten abgesprochen, Gesprächsregeln festgelegt und technische Probeläufe durchgeführt werden. Doch der Aufwand zahlte sich aus. Lernende bereiteten sich gründlicher vor, wenn sie wussten, dass echte Menschen auf der anderen Seite zuhören würden. Das Goethe-Institut hat diese Erfahrungen später systematisiert und stellt heute umfangreiche Ressourcen für den mediengestützten DaF-Unterricht bereit.

Webbasierte Materialien und Linklisten

Parallel zur synchronen Kommunikation entstand eine neue Form von Unterrichtsvorbereitung: die kuratierte Linkliste. Lehrende stellten Sammlungen von Webseiten zusammen, die Grammatikerklärungen, Hörtexte, Nachrichtenangebote auf verschiedenen Sprachniveaus oder landeskundliche Informationen boten. Das klingt aus heutiger Sicht simpel, war aber ein erster Schritt hin zu dem, was wir heute als digitale Lernumgebung bezeichnen würden.

In Japan hatte diese Praxis eine besondere Bedeutung. Deutschlernende hatten außerhalb des Unterrichts kaum Berührungspunkte mit der deutschen Sprache – kein deutschsprachiges Fernsehen, keine deutschen Nachbarn, kein Supermarkt mit deutschen Produkten. Das Internet öffnete ein Fenster in die Alltagskultur deutschsprachiger Länder. Plattformen wie das Zentrum für Unterrichtsmedien im Internet (ZUM) wurden zu wichtigen Anlaufstellen für Lehrende, die ihren Schülern authentisches Material zugänglich machen wollten.

Dreiecksaustausch: Japan, Finnland, Deutschland

Besonders anspruchsvoll und ertragreich waren Projekte, die mehr als zwei Länder einbanden. Ein Austauschformat, das Lernende in Japan, Finnland und Deutschland vernetzte, schuf eine interessante Dynamik: Für die finnischen und deutschen Teilnehmenden war Deutsch keine Fremdsprache im gleichen Sinne – die Rollen waren asymmetrisch, was zu fruchtbaren Reflexionen über Sprache, Sprachenlernen und kulturelle Selbstwahrnehmung führte.

Solche multilateralen Projekte verlangten viel koordinatorischen Aufwand, der meist an einzelnen Lehrpersonen hing, die sich über Zeitzonen und Schulsysteme hinweg abstimmten. Was heute mit Plattformen wie eTwinning strukturiert und institutionell unterstützt wird, war damals Pionierarbeit, die auf persönlichem Engagement basierte.

Was bleibt

Die frühen computergestützten Projekte im DaF-Unterricht haben etwas Bleibendes hinterlassen – nicht in erster Linie die Technologien, die längst überholt sind, sondern die didaktischen Erkenntnisse. Authentizität des Sprachgebrauchs, reale Kommunikationsanlässe, interkultureller Austausch und selbstgesteuertes Lernen sind Prinzipien, die heute genauso gelten wie damals.

Das Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin fördert seit Jahrzehnten genau diese Form des Austauschs – wissenschaftlich, kulturell und sprachlich. Die Idee, dass Sprache durch Begegnung lebendig wird, liegt auch der digitalen Dimension des DaF-Unterrichts zugrunde.

Für Lehrende, die heute in Japan oder anderswo Deutsch unterrichten, bieten die technischen Möglichkeiten ungleich mehr als in den Anfangsjahren. Die eigentliche pädagogische Frage aber ist dieselbe geblieben: Wie schafft man Kontexte, in denen Sprache nicht geübt, sondern wirklich gebraucht wird? Die Antwort, die computergestützte Projekte damals gaben, gilt noch immer.