Higashiyama Kaii im DaF-Unterricht: Japanische Kunst als Gesprächsanlass
Jetzt schreibe ich den Blogbeitrag auf Basis der gefundenen Informationen und verifizierten URLs.
Higashiyama Kaii gehört zu den bedeutendsten japanischen Malern des 20. Jahrhunderts – und er ist weit mehr als nur ein Thema für Kunstkurse. Wer seinen Lebensweg kennt, entdeckt darin eine erstaunliche Verbindung zu Deutschland: Der Künstler studierte von 1933 bis 1935 Kunstgeschichte an der Berliner Universität, reiste durch Europa und ließ die Begegnung mit westlicher Kultur tief in sein Werk einfließen. Für den Deutschunterricht in Japan ist das eine geradezu einmalige Ausgangslage – ein japanischer Nationalkünstler, der selbst einmal in Deutschland gelernt hat.
Wer war Higashiyama Kaii?
Geboren 1908 in Yokohama, aufgewachsen in Kobe, ausgebildet an der Tokioter Kunsthochschule: Kaii Higashiyama gehört zur Tradition des Nihonga, der neotraditionellen japanischen Malerei. Seine Landschaften – stille Wälder, spiegelnde Seen, schneebedeckte Berge, mondbeschienene Felder – sind von einer meditativen Ruhe, die viele Betrachter unmittelbar anspricht. In Japan ist er omnipräsent: auf Buchcovern, in Schulbüchern, an den Wänden der Tōdai-ji-Tempel in Nara, wo er ein monumentales Wandgemälde hinterließ.
Was ihn im DaF-Kontext besonders interessant macht, ist seine gelebte Interkulturalität. Nach Jahren des Studiums in Berlin und ausgedehnten Reisen durch Deutschland, Österreich und Skandinavien kehrte er nach Japan zurück – aber Europa hatte seine Wahrnehmung verändert. Diese Verschmelzung von japanischem Naturempfinden und europäischer Kunstgeschichte macht sein Werk zu einem idealen Brückenthema.
Das Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin (JDZB) pflegt bis heute eine enge Verbindung zu Higashiyama Kaii: Er war von 1985 bis 1994 Mitglied des Kuratoriums und schenkte dem Zentrum 1989 das Original „Asagumo" (Morgenregen). Das JDZB bezeichnet ihn treffend als „Brückengänger" – als jemanden, der zwischen zwei Kulturen vermittelte, ohne in einer von beiden aufzugehen.
Warum Kunst im DaF-Unterricht?
Bilder sprechen, bevor Sprache greift. Diese banale Beobachtung steckt hinter einem methodisch soliden Ansatz: Kunstwerke schaffen im Fremdsprachenunterricht Sprechanlässe, die authentisch und bedeutungsoffen sind. Anders als konstruierte Übungsdialoge lädt ein Gemälde dazu ein, wirklich etwas zu sagen – eine Stimmung zu beschreiben, eine Assoziation zu teilen, eine Frage zu stellen.
Das Fachjournal Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht hat mehrfach untersucht, wie bildende Kunst sprachliche Prozesse im DaF-Unterricht auslöst: Kunstwerke motivieren zu authentischen Äußerungen und bieten gleichzeitig einen wichtigen Zugang zu kulturellem Lernen. Beides ist bei Higashiyama in besonderem Maß erfüllt.
Unterrichtsideen mit Higashiyama-Gemälden
Bildbeschreibung als Einstieg
Ein guter Anfang ist immer die strukturierte Bildbeschreibung. Higashiyamas Werke eignen sich dafür hervorragend: Sie sind figurenlos, klar komponiert und arbeiten mit wenigen, aber starken Elementen – Licht, Farbe, Textur, Stille. Lernende können mit einfachen Mitteln präzise beschreiben:
- Im Vordergrund sieht man…
- Der Hintergrund ist in einem blassen Grauton gehalten…
- Das Bild vermittelt das Gefühl von…
Gerade auf mittlerem Niveau (B1/B2) lässt sich hier gut mit Wortfeldern zu Natur, Jahreszeiten und Atmosphäre arbeiten. Vokabular wie Nebel, Dämmerung, Spiegelung, Leere, Stille oder Weite taucht in fast jedem Werk auf und ist lexikalisch wie grammatisch ergiebig.
Kultureller Vergleich: Was empfindet man?
Ein nächster Schritt ist die Frage nach der Rezeption. Wie beschreiben japanische Schülerinnen und Schüler das Bild – und wie würden Deutsche dasselbe Bild beschreiben? Welche Wörter wählt man im Deutschen für 間 (Ma, die bedeutungsvolle Leere) oder 物の哀れ (Mono no Aware, die Vergänglichkeit der Dinge)?
Diese Gegenüberstellung öffnet eine fruchtbare interkulturelle Diskussion. Sie zeigt, dass Sprache nicht nur benennt, sondern auch formt – und dass bestimmte japanische Konzepte im Deutschen nur umschrieben werden können. Für Lernende in Japan ist das oft ein Aha-Erlebnis.
Kreatives Schreiben zu einem Gemälde
Fortgeschrittenere Gruppen können zu einem Higashiyama-Bild kreative Texte verfassen:
- Ein kurzes Gedicht in freier Form
- Eine Szene: Wer hat diesen Ort besucht, und was hat er dabei gedacht?
- Ein fiktiver Brief von Higashiyama selbst an einen deutschen Studienfreund aus den 1930er Jahren
Gerade der letzte Ansatz verbindet die Spracharbeit mit biographischem und historischem Kontext. Was hat Higashiyama in Berlin erlebt? Wie war das Leben eines jungen Japaners in Deutschland in den frühen 1930er Jahren? Solche Fragen machen Geschichte greifbar und laden zur Recherche ein.
Museumsbesuch als Verlängerung
In Japan selbst ist Higashiyamas Werk in mehreren Museen zugänglich. Das Nagano Prefectural Art Museum beherbergt eine bedeutende Sammlung seiner Arbeiten. Für Lehrkräfte in Zentraljapan kann ein Museumsbesuch mit einem vorbereitenden Sprachprojekt verbunden werden: die Lernenden schreiben vorab Texte zu ausgewählten Werken und vergleichen diese nach dem Besuch mit ihrer eigenen Wahrnehmung vor dem Original.
Schülertexte als Unterrichtsprodukt
Das Besondere an diesem Thema ist das Potenzial für authentische Schülertexte. Wenn Lernende zu einem Higashiyama-Gemälde auf Deutsch schreiben – gleich ob Beschreibung, Gedicht oder fiktiver Brief –, entsteht ein Text, der wirklich etwas sagt. Diese Texte lassen sich sammeln, vergleichen, vorlesen und, mit Einverständnis der Verfassenden, veröffentlichen.
Gerade in Projekten mit interkulturellem Austausch, etwa wenn japanische und deutsche Schulklassen miteinander korrespondieren, können solche Texte als Gesprächsgrundlage dienen. Japanische Schüler erklären einem deutschen Austauschpartner, wer Higashiyama war und was sein Werk bedeutet – auf Deutsch. Das ist echte Sprachverwendung mit echtem Publikum.
Ein Thema mit Tiefe
Higashiyama Kaii ist kein Schulbuchthema im engeren Sinne. Aber genau das macht ihn wertvoll. Er ist nicht verbraucht, nicht klischiert – und er gehört zur Lebenswirklichkeit der meisten japanischen Lernenden, ohne dass sie es immer wissen. Das Museum haben viele besucht, die Bilder auf Tischkalendern gesehen, den Namen irgendwo gelesen.
Wenn der DaF-Unterricht dieses latente Vorwissen aktiviert und mit der deutschen Sprache verknüpft, entsteht ein Unterrichtsmoment, der hängen bleibt. Und wer einmal auf Deutsch über ein Bild gesprochen hat, das ihn wirklich berührt, vergisst die Sprache nicht so schnell.
Weitere Informationen zu Higashiyama Kaii und seiner Verbindung zu Deutschland finden sich beim Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin. Wer seine Werke im Original erleben möchte, findet eine der größten Sammlungen im Nagano Prefectural Art Museum. Methodische Grundlagen zum Einsatz von Kunst im Fremdsprachenunterricht bietet die Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht.