Markus Grasmueck

Interkulturelle Unterschiede in der Unterrichtspraxis: Wie Lehrer in Deutschland und Japan unterschiedlich unterrichten

· Markus Grasmück
Interkulturelle Unterschiede in der Unterrichtspraxis: Wie Lehrer in Deutschland und Japan unterschiedlich unterrichten

Wer als Lehrkraft zum ersten Mal einen Klassenraum in Japan betritt, erlebt oft einen stillen Moment der Irritation. Die Schülerinnen und Schüler sitzen aufrecht, schauen nach vorn, keine Zwischenrufe, kein Getuschel. Es ist eine Ordnung, die deutschen Lehrenden zunächst imponiert – und die sich bei näherem Hinsehen als Teil eines tiefgreifend anderen Bildungsverständnisses entpuppt. Für DaF-Lehrende, die zwischen beiden Kulturen arbeiten, ist das Verstehen dieser Unterschiede kein akademisches Interesse, sondern tägliche Praxis.

Zwei Bildungsphilosophien, ein Unterrichtsziel

Das Bildungssystem in Deutschland und das in Japan haben sich aus völlig unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Kontexten entwickelt. In Deutschland liegt die Bildungshoheit bei den Bundesländern – Lehrpläne, Prüfungsformate und pädagogische Ansätze variieren erheblich. Japan hingegen hat ein zentralstaatlich gesteuertes System, in dem das Mombukagakushō, das Ministerium für Bildung, einheitliche nationale Curricula vorgibt. Was auf dem Lehrplan steht, gilt im ganzen Land.

Diese strukturelle Verschiedenheit hat direkte Auswirkungen auf das, was im Unterricht passiert – und wie.

Wie das Bildungssystem in Japan auf Wikipedia ausführlich dokumentiert wird, besuchen japanische Schülerinnen und Schüler sechs Jahre Grundschule, gefolgt von je drei Jahren an der Junior High School und der Senior High School. Die Übergangsquoten sind hoch, der Druck auf die Schülerinnen und Schüler, insbesondere bei den Aufnahmeprüfungen für Oberschulen und Universitäten, enorm.

Die Rolle der Lehrperson: Autorität oder Moderator?

Einer der auffälligsten Unterschiede betrifft das Bild der Lehrperson selbst. In Japan genießt die Lehrkraft traditionell eine hohe gesellschaftliche Autorität. Der Lehrer spricht, die Klasse hört zu. Fragen zu stellen gilt als mutig – oder je nach Situation auch als unhöflich, weil es implizieren könnte, dass die Erklärung unklar war. Diese Dynamik ist tief verwurzelt im konfuzianischen Erbe, das Respekt gegenüber Älteren und Hierarchien als gesellschaftlichen Wert betrachtet.

In Deutschland hat sich das Lehrerbild in den vergangenen Jahrzehnten stärker in Richtung Lernbegleitung und Gesprächsführung verschoben. Schüler werden ermutigt, nachzufragen, Widerspruch zu formulieren, eigene Lösungswege zu erproben. Offene Diskussionen sind methodisch gewollt.

Für DaF-Lehrende, die in Japan kommunikative Methoden einsetzen wollen, ist das ein echtes Spannungsfeld. Eine Unterrichtsform, die auf spontane Sprachproduktion, Rollenspiele oder Gruppendebatten setzt, kann bei japanischen Lernenden zunächst auf Verunsicherung stoßen – nicht weil die Methode falsch ist, sondern weil sie einem unvertrauten Unterrichtsskript folgt.

Frontalunterricht als Norm

Dieser Befund ist empirisch gut belegt. In der Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht analysiert Michael Schart die Situation von DaF in Japan und zeigt, dass der universitäre Deutschunterricht stark lehrerzentriert ist. Die Lehrperson steuert den Ablauf, präsentiert Grammatikstrukturen und überprüft ihre Anwendung – ein Muster, das aus der japanischen Schulerfahrung der Lernenden bestens bekannt ist und das sie als „normalen Unterricht" empfinden.

Das bedeutet nicht, dass japanische Lernende passiv sind. Sie sind hochkonzentriert, sorgfältig und diszipliniert. Aber ihre Aktivität zeigt sich anders: im Mitschreiben, im stillen Durcharbeiten von Übungen, im Auswendiglernen.

Lesson Study: Was Deutschland von Japan lernen kann

Interessanterweise gibt es auch eine Richtung, in der japanische Unterrichtskultur als Vorbild diskutiert wird. Das Konzept der Jugyō Kenkyū – auf Deutsch oft als „Lesson Study" bezeichnet – ist ein kollaboratives Fortbildungsformat, das in Japan seit Jahrzehnten verbreitet ist: Lehrkräfte planen gemeinsam eine Unterrichtsstunde, eine von ihnen hält sie, die anderen beobachten, anschließend wird gemeinsam ausgewertet und nachjustiert.

Das Deutsche Schulportal beschreibt, wie dieser Ansatz – besonders im Mathematikunterricht – Schüler zu echtem Denken anregt und wie er zunehmend auch in Deutschland rezipiert wird. Während in Deutschland häufig die individuelle Unterrichtsplanung und -autonomie der Lehrenden im Vordergrund steht, setzt Japan auf kollektive Unterrichtsentwicklung als Qualitätssicherung.

DaF im japanischen Hochschulkontext: Methodische Anpassung als Kompetenz

Für Deutschlehrende an japanischen Universitäten – etwa an Sprachfachschulen oder im Fremdsprachenstudiengang – ist die methodische Anpassungsfähigkeit keine Option, sondern eine Kernkompetenz. Die akademische Forschung zu kulurgeprägten Lehr- und Lernformen im DaF-Unterricht in Japan zeigt, dass pauschale Übertragungen europäischer Methodik ohne Sensibilität für den lokalen Kontext oft nicht greifen.

Das heißt konkret: Communicative Language Teaching, wie es in Deutschland und Europa gelehrt wird, lässt sich nicht 1:1 in einen japanischen Klassenraum übertragen. Gruppenarbeiten müssen sorgfältig eingeführt werden. Lernende brauchen klare Strukturen und Sicherheit, bevor sie bereit sind, Fehler öffentlich zu riskieren. Gesichtsverlust (mentsu verlieren) ist für viele japanische Studierende eine reale soziale Bedrohung.

Das Schweigen als kommunikativer Akt

Ein Moment, der vielen westlich sozialisierten Lehrenden unangenehm ist: die lange Pause, nachdem eine Frage gestellt wurde. In Deutschland ist Schweigen im Unterricht schnell mit Unwissen oder Desinteresse assoziiert. In Japan hingegen ist Nachdenken oft eine stille Tätigkeit. Eine Antwort wird erst gegeben, wenn man sicher ist. Dieses Schweigen zu respektieren – und nicht reflexartig zu füllen – ist eine konkrete interkulturelle Kompetenz, die Lehrende in Japan entwickeln müssen.

Leistungsdruck und seine Kehrseite

Dass japanische Schülerinnen und Schüler im PISA-Vergleich regelmäßig zu den Besten weltweit gehören, ist bekannt. Die Bundeszentrale für politische Bildung analysiert in ihrer PISA-2022-Auswertung, dass Japan nicht nur ein hohes Leistungsniveau erreicht, sondern dabei auch eine vergleichsweise geringe Bildungsungleichheit aufweist – eine Kombination, die Deutschland nicht gelingt.

Doch dieser Erfolg hat einen Preis. Der immense Druck der Aufnahmeprüfungen, die verbreitete Nutzung von Juku (außerschulischen Nachhilfezentren) und die hohe psychische Belastung vieler Schüler sind die Schattenseiten eines Systems, das auf Leistungsmaximierung ausgerichtet ist. Für DaF-Lernende bedeutet das häufig: Deutsch wird als Pflichtfach belegt, mit dem Ziel, die Prüfung zu bestehen – intrinsische Motivation für die Sprache muss aktiv geweckt werden.

Was interkulturelle Sensibilität im Unterricht leistet

Am Ende ist die entscheidende Fähigkeit weder die Kenntnis aller japanischen Unterrichtsregeln noch das blinde Übernehmen europäischer Methoden. Es ist die Fähigkeit, beides zu verstehen und daraus einen eigenen, situierten Unterrichtsstil zu entwickeln – einen, der die Lernenden dort abholt, wo sie stehen, und sie gleichzeitig behutsam mit anderen Kommunikations- und Lernformen vertraut macht.

Interkulturelle Unterschiede im Unterricht sind keine Hindernisse. Sie sind das Material, aus dem guter Sprachunterricht gemacht wird – wenn man bereit ist, sie ernst zu nehmen.