Markus Grasmueck

Schülertexte aus dem Deutschunterricht in Japan: Ōe Kenzaburō und die Kinder von 200 Jahren

· Markus Grasmück
Schülertexte aus dem Deutschunterricht in Japan: Ōe Kenzaburō und die Kinder von 200 Jahren

Jetzt schreibe ich den Blogpost mit den gefundenen, echten URLs.

Wer Japanisch sprechende Schülerinnen und Schüler dazu bringt, auf Deutsch über einen japanischen Nobelpreisträger zu schreiben, tut zweierlei gleichzeitig: Er unterrichtet eine Fremdsprache – und er schlägt eine Brücke zwischen zwei Kulturen, die sich eigentlich sehr nahe sind und sich doch fremd bleiben. Genau das war der Ausgangspunkt für ein Schreibprojekt, das im DaF-Unterricht an einer japanischen Schule entstand und dessen Ergebnisse einen unerwarteten Blick auf Kenzaburō Ōe eröffnen.

Warum Ōe Kenzaburō?

Kenzaburō Ōe ist der vielleicht politischste Schriftsteller, den Japan im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. 1994 erhielt er den Nobelpreis für Literatur – als zweiter Japaner nach Yasunari Kawabata –, und die Schwedische Akademie würdigte ihn für eine Prosa, „in der Lebensrealität und Mythos zu einem verstörenden Bild der menschlichen Situation von heute verschmelzen". Seine Romane kreisen um atomare Zerstörung, um Ausgrenzung, um Elternschaft unter extremen Bedingungen – Themen, die seinen Landsleuten nicht fremd sind, von denen in der Schule aber selten offen gesprochen wird.

Für den Fremdsprachenunterricht ist Ōe deshalb eine ungewöhnliche, aber ergiebige Wahl. Schüler, die auf Deutsch über ihn schreiben, stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen nicht nur die sprachlichen Mittel finden, sondern sich auch intellektuell positionieren – zu einem Autor, den sie aus dem eigenen Kulturkreis kennen, und zu Fragen, die keine einfachen Antworten haben.

Das Schreibprojekt: „Die Kinder von 200 Jahren"

Der Titel des Projekts stammt aus einem Gedanken, der Ōes Werk durchzieht: die Vorstellung, dass die Entscheidungen einer Generation noch die Menschen zweihundert Jahre später prägen. Ob es um Hiroshima geht, um Kernkraft, um die Art, wie eine Gesellschaft mit ihren Randständigen umgeht – Ōe denkt immer in langen Zeiträumen. Diese Perspektive ist gerade für junge Menschen überraschend greifbar.

Die Aufgabe war bewusst offen formuliert: Die Schülerinnen und Schüler sollten einen kurzen Text auf Deutsch verfassen, der sich auf eines von Ōes Werken oder auf sein Schaffen insgesamt bezieht. Keine feste Form, kein Muster zum Ausfüllen. Stattdessen: echte Texte.

Was in den Texten entstand

Die Bandbreite war bemerkenswert. Einige Schülerinnen und Schüler wählten eine persönliche Perspektive und schrieben, was sie beim Lesen empfunden hatten – in einem sparsamen, tastenden Deutsch, das gerade dadurch authentisch wirkte. Andere versuchten sich an einem sachlichen Vergleich zwischen Ōes Weltbild und den Erfahrungen ihrer eigenen Familie mit der Nachkriegszeit. Wieder andere stellten direkte Fragen an den Autor – auf Deutsch, als Brief formuliert.

Was diese Texte verbindet: Sie sind nicht perfekt. Aber sie sind ehrlich. Und sie zeigen, dass das Schreiben in einer Fremdsprache über schwierige Inhalte eine besondere Art von Sorgfalt erzwingt. Man kann nicht auf Routine zurückgreifen, man muss wirklich nach Worten suchen. Genau diese Suche macht die Texte lesenswert.

Schülertexte im DaF-Unterricht: mehr als Sprachübung

Authentische Schülertexte im DaF-Unterricht in Japan haben eine eigene didaktische Qualität, die Lehrwerkstexte nicht ersetzen können. Sie zeigen den Lernenden, dass ihre eigene Stimme auf Deutsch einen Platz hat – und dass die Zielsprache nicht nur ein neutrales Kommunikationswerkzeug ist, sondern ein Medium, das Denken formt und verändert.

Das Goethe-Institut Japan betont in seinen Fortbildungsangeboten für DaF-Lehrkräfte genau diesen Punkt: Sprache lernen heißt nicht, Sätze auswendig lernen, sondern sich selbst in der neuen Sprache ausdrücken zu können. Projekte wie dieses setzen diesen Gedanken in die Praxis um.

Die literarische Brücke als Methode

Wer literarische Texte in den DaF-Unterricht bringt, nimmt seinen Schülerinnen und Schülern nicht die Sprache als Gegenstand – er gibt ihnen einen Grund, sie zu benutzen. Im Fall von Ōe bedeutet das: ein Autor, den die Schüler aus ihrer eigenen Sprache kennen, wird zur Brücke in die fremde. Das ist eine Umkehrung des üblichen Wegs, und sie funktioniert.

Die Nobelpreisbiographie von Ōe liest sich wie ein Protokoll der japanischen Moderne – inklusive aller Widersprüche. Für Schüler, die mit dieser Geschichte aufgewachsen sind, liefert der Versuch, sie auf Deutsch zu formulieren, ein ganz neues Verständnis – sowohl der Geschichte als auch der Sprache.

Was solche Projekte leisten

Literarisch orientierter DaF-Unterricht macht etwas sichtbar, das in kompetenzorientierten Lehrplänen manchmal untergeht: Fremdsprachenunterricht ist auch Persönlichkeitsbildung. Wer lernt, auf Deutsch über schwierige Fragen nachzudenken, entwickelt nicht nur Sprachkompetenz, sondern eine andere Art des Denkens.

Schülertexte aus solchen Projekten sind deshalb mehr als Unterrichtsergebnisse. Sie sind Zeugnisse eines Prozesses – des langsamen, oft mühsamen Versuchs, sich eine fremde Sprache anzueignen und dabei die eigene Stimme nicht zu verlieren. Dass dies gerade mit einem Autor gelingt, der in seinem ganzen Werk auf der Suche nach dieser Stimme war, ist keine Überraschung. Es ist Methode.


Weiterführende Ressourcen für DaF-Lehrkräfte in Japan bietet das Goethe-Institut Tokyo mit seinem Fortbildungsprogramm. Für Hintergründe zu Ōes literarischem Werk lohnt ein Blick in die Würdigung auf literaturkritik.de.